Telefonseelsorge: Online oder Offline?

Die klassische Telefonseelsorge – offline – mit dem Telefonhörer am Ohr hat eine lange Geschichte, ist bekannt und bewährt. Auch ich als Telefonseelsorgerin schätze diese Art der Beratung sehr.

Da habe ich nur die Stimme, ganz nah, die mir allein von ihrem Klang, ihrem Charakter und ihrer Lautstärke viel erzählt. Ich bekomme keine Bilder dazu, schließe meist auch noch die Augen, stimme mich ein, höre, lausche, lasse Pausen zu und rede selbst möglichst wenig.

So intensiv und ausschließlich zu kommunizieren hat seine ganz eigene Qualität. Das intensive und ausschließliche und nicht-wertende Zuhören hat eine heilende Wirkung – ich muss nicht immer eine Antwort parat haben, auch keine Lösung, ich muss nur wirklich präsent sein, mich einlassen, achtsam und spontan reagieren. Oft bin ich selbst erstaunt über die Wirkung dieser Art des Zuhörens. Dass sich die Anrufende, der Anrufer offensichtlich bzw. hörbar erleichtert bedankt – obwohl ich doch nur zugehört habe …

Bei der schriftlichen Online-Beratung ist die Art der Kommunikation eine ganz andere. Da habe ich einen Text vor mir, keine Stimme, kann auch nicht nachfragen.
Dafür habe ich vielmehr Zeit über meine Wortwahl nachzudenken, kann eigene Gedanken ausführlicher formulieren, kann Adressen, Informationen, Literatur recherchieren. Auch das hat seine ganz eigene Qualität. Ich liebe die deutsche Sprache und mir sind Worte sehr wichtig, man kann mit ihnen Herzen berühren. Es ist schön, sich Zeit zu nehmen, um sehr fein zu formulieren, um Anstöße zu geben, Mut zu machen, einen anderen Blickwinkel einzubringen. Bei der Online-Beratung braucht es auf beiden Seiten Geduld, damit sie wirken kann.
Vielleicht ist sie deshalb auch noch nicht so bekannt und etabliert, in unserer schnelllebigen Zeit, wo ich doch sofort eine Reaktion und eine Antwort bekommen möchte?

Wann passt welche Methode besser?

Wenn ich mein Problem noch gar nicht so klar formulieren kann, ist ein Telefongespräch, in dem nachgefragt werden kann, vielleicht hilfreicher. Oft klären sich die Gedanken, wenn ich sie aussprechen darf, ohne unterbrochen zu werden, wenn ich nach Worten ringen darf. Wenn es mir um mitfühlende Nähe geht, auch dann ist es gut, ein offenes Ohr bei der klassischen Telefonseelsorge zu finden.
Wenn ich mein Problem schon gut kenne, es klar ausdrücken kann und vielleicht schon sehr oft erzählt habe, dann bietet sich die Mail-Beratung an. Wenn ich neue Sichtweisen, Anregungen, konkrete Hilfestellungen suche, dann kann es hilfreich sein, es aufzuschreiben, auf den Punkt zu bringen und mir eine schriftliche, länger durchdachte Reaktion zu holen. Eine, die ich mir dann auch öfters durchlesen und in mir wirken lassen kann.

Alles hat seine Zeit. Zu sprechen hat seine Zeit und zu schweigen. Zu schreiben hat seine Zeit und zu lesen.