Archiv für den Monat: März 2018

Schwach sein? Dürfen nur die anderen!

„Ich dachte nur: Das gilt vielleicht für andere“ sagte mir vor kurzem eine Frau am Telefon. Es war Wochenende, abends. Sie rief an, weil sie das Gefühl hatte, es bis zur nächsten Therapiesitzung am Mittwoch darauf nicht mehr auszuhalten, ohne mit jemandem zu reden. Dass der Druck wieder zu groß werden würde, die Wolken wieder zu dunkel.

Bis sie endlich eine Therapie begonnen hatte, erzählte sie mir, war viel passiert. Eine unerfüllte Liebe, dann jahrelanges Ablenken durch Arbeit und Ignorieren aller Männer, die nächste unerfüllte Liebe, ein Pflegefall zu Hause, der 40. Geburtstag, noch immer kinderlos, der Verlust der guten Beziehung zu ihrem Bruder. Sie steigerte sich wieder in die Arbeit, holte sich dadurch Bestätigung, fühlte sich wichtig. Doch immer wieder kam das Wochenende. Wo es keinen Grund gab, für die Firma etwas zu tun. Irgendwann gab es auch im Haus nichts mehr zu reparieren. Und irgendwann kam dann Weihnachten. Ein alleine verbrachtes Weihnachten. Weil sie sich zu alt fühlte, um Weihnachten als Kind mit ihren Eltern zu verbringen. Weil die, mit denen sie es verbringen wollte, sich keine Zeit für sie nahmen. Weihnachten alleine ergab keinen Sinn, die Zukunft ergab keinen Sinn. Also verbrachte sie die Feiertage damit, sich einen schmerzlosen Weg aus dem Leben zu überlegen.

In diesen Tagen damals war jegliche Kraft aus ihr gewichen, sodass sie ihr Vorhaben nicht umsetzte. Als das neue Jahr begann, schaffte sie es wieder aus dem Haus und beschloss, noch nicht aufzugeben. Sie suchte sich eine Therapeutin. Diese sagte ihr in einer der ersten Sitzung „Sie dürfen auch mal schwach sein.“ Genau das löste die zu Anfang erwähnte Reaktion aus: „Ich dachte nur: Das gilt vielleicht für andere“

Ich glaube, dass diese Reaktion symptomatisch ist. Viele von uns sind Getriebene, haben das Gefühl, immer Leistung bringen, immer funktionieren zu müssen. Nicht schwach sein zu dürfen. Nicht anlehnungsbedürftig sein zu dürfen. Schief angeschaut zu werden, wenn sie sich öffnen. Es war schön, diese Geschichte zu hören, weil sie ein gutes Ende nahm. Die Frau hat ins Leben zurück gefunden. Aber nicht nur das: Sie hat auch gelernt, ihre schwachen Seiten zu akzeptieren. Hilfe zuzulassen. Sich zu trauen, sich an jemanden zu wenden.

Wir freuen uns immer darüber, Menschen auf diesem Weg ein Stück begleiten zu können. Dabei ist es ganz egal, ob sie am Anfang stehen und der Kontakt mit uns die erste Hürde oder ob sie mittendrin sind und nur akut jemanden brauchen, der die Situation mit ihnen gemeinsam aushält.

Umgang mit Trauernden nach einem Suizid

Eine Freundin erzählte mir darüber, dass sich in ihrer Nachbarschaft ein Mann das Leben genommen hatte. Er hatte sich erhängt. Alle waren fassungslos und fragten sich nach dem Warum.

Das Schwierigste aber für meine Freundin war jetzt die Frage, wie man seiner Witwe begegnen sollte, die sie fast täglich beim Hundespaziergang sah.

Der Suizid eines Angehörigen führt die Zurückbleibenden an die Grenzen der Belastbarkeit. Es gehört wohl zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann und ist mit tiefer und lang anhaltender Trauer verbunden.

Erschwerend kommt dazu, dass in unserer Gesellschaft über das Thema Suizid kaum offen gesprochen wird. Einerseits wissen viele Menschen nicht, wie sie mit den trauernden Menschen umgehen sollen und die Betroffenen tun sich sowieso schwer, über ihren Verlust zu sprechen, auch aus Scham und Angst vor Schuldzuweisungen. Manchmal ziehen sie sich deshalb auch aus ihrem gewohnten Umfeld zurück und geraten selber in eine Lebenskrise.

Ich ermunterte meine Freundin dazu, aktiv auf die betroffene Nachbarin zuzugehen und ihr ihre aufrichtige Betroffenheit und Anteilnahme zu zeigen. Ich riet ihr außerdem dazu, zu versuchen, der Nachbarin gut zuzuhören und Verständnis und Interesse für ihre schwierige Situation und Gefühlswelt zu haben. Ich meinte auch, ob es vielleicht möglich wäre, kleine nachbarschaftliche Unterstützungsangebote zu machen.

Auf jeden Fall, sagte ich zu meiner Freundin, sollte sie sich durch ihre eigene Hilflosigkeit nicht davon abhalten lassen, mit der trauernden Frau Kontakt aufzunehmen.

Für Angehörige bleibt der Suizid für lange Zeit ein beherrschendes Thema in ihrem Leben. Sie brauchen meist viele kleine Schritte, um langsam in die Normalität ihres Alltags zurückkehren zu können.

In diesem Fall war es für meine Freundin möglich, mit der Nachbarin in gutem Kontakt zu kommen und es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Art Freundschaft. Sie gingen jedenfalls in der kommenden Zeit oft gemeinsam mit ihren Hunden spazieren.

Der Österreichische Vorlesetag

Am 15. März 2018 findet der Österreichische Vorlesetag statt. Damit soll die Freude am (Vor-)Lesen (wieder) geweckt werden. Vielleicht hast du schon von der einen oder anderen Veranstaltung zu diesem Tag gelesen?  Wann wurde dir das letzte Mal vorgelesen?

Auch wenn viele von uns Lesen als ihr Hobby angeben, so ist doch das Vorlesen für die meisten eher nur mehr etwas, das man für Kinder macht, solange sie noch nicht selbst (flüssig) lesen können. Zwar gibt es auch immer wieder Lesungen von Dichtern oder manchmal können Schauspieler gewonnen werden um Texte für öffentliches Publikum vorzulesen, meist sind das aber eher Veranstaltungen im kleinen Rahmen, die nur ein ausgewähltes Publikum interessieren.

Beim Vorlesen wird nicht nur unsere Phantasie angeregt, wir bekommen einen Input über unser Ohr und die auditive Sinnesempfindung vermittelt noch einmal ein tieferes Verständnis für einen Text. Außerdem hat der Vorleser die Möglichkeit durch seine besondere Art des Vorlesens bei einem Text noch eine zusätzliche Bedeutung mitschwingen zu lassen. So können emotionale Inhalte auch durch die gehörte Stimme erlebbar werden. In der Mail- oder der Chatberatung liest die/der BeraterIn immer wieder den Text auch für sich laut vor, um sich besser einfühlen zu können. Durch das laute Lesen entsteht der Eindruck die Wörter wären nicht nur sinngemäß erfasst, sondern auch gehört und hinterlassen damit einen tieferen Eindruck in mir.

Das Gleiche gilt natürlich auch für den Menschen, der eine Antwort auf sein Anliegen bekommen hat. Diese Antwort hat durch die schriftliche Form eine längere Gültigkeit, sie kann immer wieder gelesen werden und es kann auch hilfreich sein, sie laut zu hören, sie immer wieder zu hören.

Vielleicht kann uns der Österreichische Vorlesetag wieder dafür gewinnen, dass wir öfters einmal etwas vorlesen oder uns vorlesen lassen?