Altwerden ist manchmal wie in der Fremde sein

Ich vermisse meine liebe Frau und meine Selbständigkeit.

„Du hast ein schönes Alter erreicht“, das hat mein Opa öfter die Leute sagen hören. Tatsächlich ist er 98 Jahre alt geworden und war bis zum Schluss geistig wach.  Wir haben ihn oft besucht, aber er war auch viele Stunden alleine.

So viele seiner Freunde und Verwandten hat er überlebt. Besonders vermisst hat er seine „liebe Frau“. So hat er immer von der Oma gesprochen.

„Meine liebe Frau hat sich immer um mich gesorgt.“

„Meiner lieben Frau habe ich so viel in meinem Leben zu verdanken.“

Vermisst hat er  besonders auch seine Selbständigkeit. Für ihn war es schwer, nicht mehr einfach, wenn er gerade Lust  dazu hatte, in die Oper zu gehen; auf den Stehplatz. Oder zu Vorträgen oder einfach nur durch die Straßen spazieren, alte Hausfassaden bewundern, Hinterhöfe bestaunen.

Er war bis weit über 90 auch noch ehrenamtlich tätig, half bei einem Projekt in der Pfarre und unterstützte junge Menschen beim Deutschlernen. Da fühlte er sich gebraucht und konnte seine Fähigkeiten einbringen. Er war dafür geachtet und gemocht.

Im „schönen Alter“ muss man sich notgedrungen von vielen und vielem, was einem lieb und teuer ist, verabschieden und vermisst es schmerzlich. Vieles ist anders, vieles ist fremd.

Opa war bis kurz vor seinem Tod ein Radiohörer. Sein Programm war Ö1 – „das ist meine Rettung“,   und brachte ihm die Welt in seine Wohnung. Meistens war er besser informiert als wir.

Opa war ein wunderbarer Mensch. Wir vermissen ihn.