Archiv für den Monat: Dezember 2018

Kleine Ressourcen

Menschen, die in der Telefonseelsorge anrufen, leiden. Sie fühlen Hilflosigkeit und Angst, Hoffnungslosigkeit, Trauer und Einsamkeit. Und manchmal sind sie in einer Krise.

Umso erstaunlicher und bewundernswerter ist es für mich dann, welche Antworten diese Menschen trotzdem geben können, wenn ich sie frage, welche Dinge sie denn trotz aller Schwierigkeiten in ihrem Leben für ihre Ressourcen und Kraftquellen halten.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Frau, die ins Telefon weinte und gleichzeitig auch ein bisschen alkoholisiert war. Sie habe eine schwere Zeit zu meistern, meinte sie. Nach einem Beziehungsende nach über 20 Jahre sei sie nun Alleinerzieherin und manchmal ziemlich überfordert. Dazu kommt, dass ihr Vater im Sterben liegt und sie außerdem aufgrund einiger Anzeichen befürchtet, ihre Arbeit zu verlieren.

Irgendwann kamen wir im Gespräch drauf, was ihr denn noch guttue.

Sie antwortete, dass sie zwei Freundinnen habe, die ihr sehr wertvoll sind, vor denen sie aber stark erscheinen will und ihnen nicht so viel über ihr Leben erzähle, wie sie könnte. Auch habe sie einen Hund, der „alles weiß“, aber alt und schwach ist und nicht mehr lange leben wird. Und als letztes falle ihr noch ein, dass sie immer schon gern Tagebuch geschrieben habe, in letzter Zeit zwar nicht mehr so häufig, aber das habe ihr immer gut getan und das werde sie vielleicht wieder angehen.

Ich war sehr beeindruckt von dieser Aufzählung und versuchte die Anruferin zu ermuntern, diese Dinge weiter zu pflegen.

Natürlich war am Ende des Gespräches nichts im Leben dieser Frau wirklich anders oder gar gelöst, aber sie fühlte sich ein bisschen erleichterter und bedankte sich für die Zeit.

Und hoffentlich war es auch möglich gewesen, dachte ich mir, dieser Anruferin bewusst zu machen, wie viele, vielleicht als klein erscheinende Ressourcen und Kraftquellen sie in ihrem Leben doch auch besitzt.

Getragen sein

Müde bin ich manchmal, sooo müde.

Alles scheint mir zu schwer, hinsetzen, hinlegen, ausruhen.
Manchmal ist keine Zeit dafür, der Alltag geht weiter und ich trage Verantwortung für andere – die Kinder wollen etwas essen, meine Mutter muss zum Arzt gebracht werden, abends sind mein Mann und ich zu einem Fest eingeladen. Weiterlesen

Nicht gelernt sich zu verbinden

Hineingeboren in ein Umfeld, welches geprägt war von materieller Unsicherheit, machte ihn von Anfang an zum Außenseiter. Viele berichten, wie sie ein schwieriges Umfeld stark gemacht hat. Ihn hat es aus der Bahn geworfen, bzw. nie in die Bahn gelenkt. Er kann sich erinnern, schon im Kindergarten ein Außenseiter gewesen zu sein. Wenn es darum ging sich in Zweierreihe anzustellen, um in den Garten zu gehen, ließen sie ihn spüren, dass er nicht dazu gehörte. Nicht nur einmal blieb er übrig, oder wurde ein Kollege „verpflichtet“ sich mit ihm anzustellen. Weiterlesen

Einsamkeit im Alter

Eine Anruferin erzählt:
„Manchmal habe ich das Gefühl ich verstumme. Da gibt es Tage, wo ich niemand zum Reden habe. Ich habe keine Kinder. Meine Nichten und Neffen sind beschäftigt. Meine beste Freundin ist vor einem Jahr gestorben. Bei anderen Freundinnen hat das Gehör nachgelassen und das Telefonieren ist schwierig. Meistens schaffe ich es mit meinen 92 Jahren wenigstens zwei Mal in der Woche hinauszugehen – zum Einkaufen, zur Ärztin, in die Apotheke. Wenn die Sonne scheint, setzte ich mich auf eine Bank in der Stadt. Dann kommen Bekannte vorbei und wir plaudern. Aber wenn es regnet und stürmt, dann gehe ich nicht aus der Wohnung. Da kommt es vor, dass ich einen ganzen Tag lang kein einziges Wort gesprochen habe. Manchmal rede ich dann mit mir selber. Manchmal bedaure ich mich einfach und fühle mich sehr einsam.

Ein Anruf bei der TelefonSeelsorge holt mich dann wieder heraus. Es macht mir nichts aus, allein zu sein. Aber hin und wieder erzählen zu können wie es mir geht ist schon gut. Dann hebt sich meine Stimmung wieder. Es kommt vor, dass ich mir denke, ich bin schon so viele Jahre auf der Welt, ich habe schon genug erlebt. Es wäre eigentlich schon genug. Aber dann kann ich mich so am Leben freuen. Und dann vergeht das Gefühl der Einsamkeit und ich bin dankbar, dass ich noch auf der Welt bin.“