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Einfach „Ich-Sein“ dürfen

Wir verlangen viel von uns: Wir wollen aktiv und voll funktionsfähig sein und dabei möglichst keine Probleme haben, um stark und unabhängig auf andere zu wir
Das Ergebnis davon: Wir verlieren den Zugang zu unserem Selbst, fühlen uns überfordert vom ständigen (un)bewussten Demonstrieren unserer vermeintlichen Stärke und dem Verdecken unserer Probleme. Es geht uns schlecht dabei, aber wir tun weiter – bis es nicht mehr geht und unsere ganze Fassade plötzlich zusammen bricht. Weiterlesen

Ein Blick in eine frühe Kindheit

Ein Anrufer bei der Telefonseelsorge gibt einen Einblick in seine frühe Kindheit. Sie war geprägt von Kränkungen, Verletzungen und Vernachlässigungen, die sich tief eingegraben haben. Immer wieder, mit voller Wucht, bahnen sie sich einen Weg an die Oberfläche.

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Bitte nicht helfen, es ist so schon schwer genug

Manchmal möchten Kinder einfach nur abladen, ohne gleich „wichtige“ Tipps und Anregungen zu erhalten, was die Lösung sein könnte. Dieses Abladen ist ja schon der erste Schritt in Richtung Veränderung und braucht vorerst nicht mehr als „nur“ das offene Ohr.

Gerne kann gemeinsam reflektiert werden, aber dann darf eine Lösung erst einmal wachsen, sich ausbreiten und Kraft aufnehmen und zwar im Kind und mit seinen Möglichkeiten. Die Hand, die ihm aus der Krise hilft ist oft am Ende seines eigenen Armes, aber wir Erwachsenen trauen diesen Armen zu selten.

Beeinträchtigung und Scham

„Ich bin erst zwanzig Jahre alt und brauche schon Hörgeräte auf beiden Ohren, ich schäme mich so dafür!“ Mit diesen Worten beginnt ein junger Mann seine Mailanfrage an die Telefonseelsorge-Onlineberatung. Er ist verzweifelt wegen dieser starken Beeinträchtigung seiner Hörleistung, trägt aber seine Hörgeräte nicht weil er sich dafür einfach zu jung fühlt. Dadurch bekommt er aber nicht alles genau mit, was andere Menschen zu ihm sagen. Er zieht sich zurück, redet lieber nichts um nicht erkennen zu lassen, dass er etwas falsch verstanden hat. Diese Passivität stempelt ihn als Eigenbrötler ab und er leidet sehr darunter – „eigentlich bin ich nicht so…“

Es ist schwierig mit so einer „verdeckten“ Beeinträchtigung offen umzugehen und doch würde sich diese Offenheit lohnen. In einem Gespräch zu wissen, dass mein Gegenüber schlecht hört gibt mir die Möglichkeit mich drauf einzustellen: deutlicher und langsamer reden, nachfragen ob alles verstanden wurde…

Mut lohnt sich! Mut zu mir selbst zu stehen so wie ich bin! Alles gehört zu uns, unsere glänzenden Seiten und das Unperfekte – es macht uns menschlich und nur so können wir einander menschlich begegnen.

Schwach sein? Dürfen nur die anderen!

„Ich dachte nur: Das gilt vielleicht für andere“ sagte mir vor kurzem eine Frau am Telefon. Es war Wochenende, abends. Sie rief an, weil sie das Gefühl hatte, es bis zur nächsten Therapiesitzung am Mittwoch darauf nicht mehr auszuhalten, ohne mit jemandem zu reden. Dass der Druck wieder zu groß werden würde, die Wolken wieder zu dunkel.

Bis sie endlich eine Therapie begonnen hatte, erzählte sie mir, war viel passiert. Eine unerfüllte Liebe, dann jahrelanges Ablenken durch Arbeit und Ignorieren aller Männer, die nächste unerfüllte Liebe, ein Pflegefall zu Hause, der 40. Geburtstag, noch immer kinderlos, der Verlust der guten Beziehung zu ihrem Bruder. Sie steigerte sich wieder in die Arbeit, holte sich dadurch Bestätigung, fühlte sich wichtig. Doch immer wieder kam das Wochenende. Wo es keinen Grund gab, für die Firma etwas zu tun. Irgendwann gab es auch im Haus nichts mehr zu reparieren. Und irgendwann kam dann Weihnachten. Ein alleine verbrachtes Weihnachten. Weil sie sich zu alt fühlte, um Weihnachten als Kind mit ihren Eltern zu verbringen. Weil die, mit denen sie es verbringen wollte, sich keine Zeit für sie nahmen. Weihnachten alleine ergab keinen Sinn, die Zukunft ergab keinen Sinn. Also verbrachte sie die Feiertage damit, sich einen schmerzlosen Weg aus dem Leben zu überlegen.

In diesen Tagen damals war jegliche Kraft aus ihr gewichen, sodass sie ihr Vorhaben nicht umsetzte. Als das neue Jahr begann, schaffte sie es wieder aus dem Haus und beschloss, noch nicht aufzugeben. Sie suchte sich eine Therapeutin. Diese sagte ihr in einer der ersten Sitzung „Sie dürfen auch mal schwach sein.“ Genau das löste die zu Anfang erwähnte Reaktion aus: „Ich dachte nur: Das gilt vielleicht für andere“

Ich glaube, dass diese Reaktion symptomatisch ist. Viele von uns sind Getriebene, haben das Gefühl, immer Leistung bringen, immer funktionieren zu müssen. Nicht schwach sein zu dürfen. Nicht anlehnungsbedürftig sein zu dürfen. Schief angeschaut zu werden, wenn sie sich öffnen. Es war schön, diese Geschichte zu hören, weil sie ein gutes Ende nahm. Die Frau hat ins Leben zurück gefunden. Aber nicht nur das: Sie hat auch gelernt, ihre schwachen Seiten zu akzeptieren. Hilfe zuzulassen. Sich zu trauen, sich an jemanden zu wenden.

Wir freuen uns immer darüber, Menschen auf diesem Weg ein Stück begleiten zu können. Dabei ist es ganz egal, ob sie am Anfang stehen und der Kontakt mit uns die erste Hürde oder ob sie mittendrin sind und nur akut jemanden brauchen, der die Situation mit ihnen gemeinsam aushält.

Umgang mit Trauernden nach einem Suizid

Eine Freundin erzählte mir darüber, dass sich in ihrer Nachbarschaft ein Mann das Leben genommen hatte. Er hatte sich erhängt. Alle waren fassungslos und fragten sich nach dem Warum.

Das Schwierigste aber für meine Freundin war jetzt die Frage, wie man seiner Witwe begegnen sollte, die sie fast täglich beim Hundespaziergang sah.

Der Suizid eines Angehörigen führt die Zurückbleibenden an die Grenzen der Belastbarkeit. Es gehört wohl zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann und ist mit tiefer und lang anhaltender Trauer verbunden.

Erschwerend kommt dazu, dass in unserer Gesellschaft über das Thema Suizid kaum offen gesprochen wird. Einerseits wissen viele Menschen nicht, wie sie mit den trauernden Menschen umgehen sollen und die Betroffenen tun sich sowieso schwer, über ihren Verlust zu sprechen, auch aus Scham und Angst vor Schuldzuweisungen. Manchmal ziehen sie sich deshalb auch aus ihrem gewohnten Umfeld zurück und geraten selber in eine Lebenskrise.

Ich ermunterte meine Freundin dazu, aktiv auf die betroffene Nachbarin zuzugehen und ihr ihre aufrichtige Betroffenheit und Anteilnahme zu zeigen. Ich riet ihr außerdem dazu, zu versuchen, der Nachbarin gut zuzuhören und Verständnis und Interesse für ihre schwierige Situation und Gefühlswelt zu haben. Ich meinte auch, ob es vielleicht möglich wäre, kleine nachbarschaftliche Unterstützungsangebote zu machen.

Auf jeden Fall, sagte ich zu meiner Freundin, sollte sie sich durch ihre eigene Hilflosigkeit nicht davon abhalten lassen, mit der trauernden Frau Kontakt aufzunehmen.

Für Angehörige bleibt der Suizid für lange Zeit ein beherrschendes Thema in ihrem Leben. Sie brauchen meist viele kleine Schritte, um langsam in die Normalität ihres Alltags zurückkehren zu können.

In diesem Fall war es für meine Freundin möglich, mit der Nachbarin in gutem Kontakt zu kommen und es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Art Freundschaft. Sie gingen jedenfalls in der kommenden Zeit oft gemeinsam mit ihren Hunden spazieren.

Der Österreichische Vorlesetag

Am 15. März 2018 findet der Österreichische Vorlesetag statt. Damit soll die Freude am (Vor-)Lesen (wieder) geweckt werden. Vielleicht hast du schon von der einen oder anderen Veranstaltung zu diesem Tag gelesen?  Wann wurde dir das letzte Mal vorgelesen?

Auch wenn viele von uns Lesen als ihr Hobby angeben, so ist doch das Vorlesen für die meisten eher nur mehr etwas, das man für Kinder macht, solange sie noch nicht selbst (flüssig) lesen können. Zwar gibt es auch immer wieder Lesungen von Dichtern oder manchmal können Schauspieler gewonnen werden um Texte für öffentliches Publikum vorzulesen, meist sind das aber eher Veranstaltungen im kleinen Rahmen, die nur ein ausgewähltes Publikum interessieren.

Beim Vorlesen wird nicht nur unsere Phantasie angeregt, wir bekommen einen Input über unser Ohr und die auditive Sinnesempfindung vermittelt noch einmal ein tieferes Verständnis für einen Text. Außerdem hat der Vorleser die Möglichkeit durch seine besondere Art des Vorlesens bei einem Text noch eine zusätzliche Bedeutung mitschwingen zu lassen. So können emotionale Inhalte auch durch die gehörte Stimme erlebbar werden. In der Mail- oder der Chatberatung liest die/der BeraterIn immer wieder den Text auch für sich laut vor, um sich besser einfühlen zu können. Durch das laute Lesen entsteht der Eindruck die Wörter wären nicht nur sinngemäß erfasst, sondern auch gehört und hinterlassen damit einen tieferen Eindruck in mir.

Das Gleiche gilt natürlich auch für den Menschen, der eine Antwort auf sein Anliegen bekommen hat. Diese Antwort hat durch die schriftliche Form eine längere Gültigkeit, sie kann immer wieder gelesen werden und es kann auch hilfreich sein, sie laut zu hören, sie immer wieder zu hören.

Vielleicht kann uns der Österreichische Vorlesetag wieder dafür gewinnen, dass wir öfters einmal etwas vorlesen oder uns vorlesen lassen?

 

 

Ein „guter Rat“ bei alkoholkranken Angehörigen

In der Telefonseelsorge rufen immer wieder Menschen an, deren Angehörige alkoholkrank sind.

„Mein Sohn hat Alkohol- und Spielprobleme … „

„Mein Mann ist Alkoholiker. Betrieb und Haus stehen auf dem Spiel …“

“Meine Frau und ich haben eine Krise. Sie hat Alkoholprobleme. Ihre Unverlässlichkeit und Passivität machen mir am meisten zu schaffen. Wir haben drei Kinder …“

Diese Menschen schildern dann im Weiteren ihr oft erfolgloses Bemühen, ihre Angehörigen vom Alkohol wegzubringen oder sie dazu zu drängen, eine Hilfseinrichtung aufzusuchen.

„Wie soll ich mich verhalten? Was raten Sie mir?“ Solche und ähnliche Fragen werden an die Telefonseelsorge gestellt.

Aus der Erfahrung wissen wir, dass Menschen sich nur helfen lassen, wenn sie es selber wollen und dazu bereit sind. Wenn der alkoholkranke Mensch aus seinem und ihrem Innersten heraus nicht willig ist, etwas zu ändern, sind die besten Hilfseinrichtungen – und diese arbeiten wirklich gut, kennen sich mit allen Facetten der Problematik aus und sind untereinander gut vernetzt – „hilflos“.

Außerdem ja der alkoholkranke Mensch auch zuerst erkennen muss, dass in seinem und ihrem Alkoholkonsum etwas falsch läuft. Verdrängung und Bagatellisierung der Alkoholkrankheit ist ja oft Teil der Problematik. Das Erkennen der Alkoholkrankheit ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt bei deren Bewältigung.

„Was soll ich also tun?“, fragen die Anrufer.

Nie müde werden, alkoholkranke Menschen zu ermutigen, sich ihrem Alkoholproblem zu stellen und Hilfe zu holen, professionelle und außerhalb des Familiensystems liegende Hilfe, das ist sicher ein möglicher „guter Rat“.

Und wie schaut es mit den Anrufern selber aus? Anrufern mit alkoholkranken Angehörigen tut es gut, über ihre belastenden Familiensituationen zu reden. Wenn sie gute Zuhörer finden, fühlen sie sich verstanden und erleichtert und haben vielleicht auch neue Handlungs- und Denkimpulse bekommen. Reden hilft. Das ist auch ein „guter Rat“, für alle Beteiligte.